Der Traum des Schmetterlings
Von Kersten Knipp, Neue Zürcher Zeitung, Juli 2004
José Manuel Prieto über kalte Liebe auf der
Krim
Das Briefgeheimnis ist zu respektieren. Und zwar auch von Lesern fiktionaler Literatur,
jedenfalls dann, wenn deren Autor es so will. Und José Manuel Prieto will es so. Sieben
Briefe erhält der Ich-Erzähler seines Romans
«Liwadija» zugeschickt, und eine ganze Menge teilt dieser dem Leser darüber mit: In runder,
weiblicher Schrift seien sie verfasst, doch ziehe sich die Tinte in unregelmässigem Fluss
über das feine Reispapier, das, pro Bogen zweimal gefaltet, einen äusserst gepflegten
Eindruck macht. Nur allzu gerne hätte man darum auch erfahren, welche Botschaft die
Absenderin mitzuteilen hat, in welcher Tonlage sie diese verfasst, welches Verhältnis zu
dem Empfänger sie auch stilistisch markiert.
Dass man es nicht erfährt, auf über 350 Seiten
nicht einen einzigen Satz aus der Feder der
Verfasserin direkt zu lesen bekommt - eben
dies macht die grosse Kunst dieses Romans
aus. Denn die klaffende Leerstelle hält die
Phantasie des Lesers auf Trab, lässt ihn,
in der Hoffnung auf weiterführende Information,
Seite um Seite durchblättern, der Logik jener
emotionalen Schändung auf der Spur, die die
rätselhafte Unbekannte dem Erzähler wenige
Tage zuvor zufügte.
In den Trümmern des Imperiums
Doch klug wird man kaum aus seinem Bericht.
Denn mit jedem der Briefe, die der Erzähler
auf dem Postamt von Liwadija, einem verrottenden
Seebad auf der Krim, in Empfang nimmt, verschwimmen
die Konturen der Verfasserin mehr, lösen
sich auf in Erinnerungsbildern, die sie,
obwohl detailliert und scharf umrissen, als
immer geheimnisvolleres Wesen erscheinen
lassen. Was ist das für eine Frau, die den
Erzähler so geschickt um den Finger wickelte,
ihm den Verstand und vor allem das Herz umgarnte,
ihn in ein Labyrinth laufen liess, dessen
Bauplan aus den kühlen Höhen distanzierten
Gefühls allein sie selbst überblickte? Die
Antwort bleibt aus. Rätsel über Rätsel gibt
diese Frau auf, kaum begreiflich scheint
die Virtuosität, mit der sie sich den Erzähler,
einen sonst äusserst kühlen und bedachtsamen
Charakter, gefügig macht.
Verständlich ist dieses Verhältnis wohl nur
vor dem spezifischen zeitlichen und sozialen
Hintergrund, vor dem Prieto seinen Roman
erzählt. Prieto, 1962 in Havanna geboren,
studierte zu Zeiten der UdSSR Ingenieurwissenschaften
in Nowosibirsk, wo er anschliessend zwölf
weitere Jahre verbrachte. Dort, in den «rauchenden
Trümmern des gesamten östlichen Imperiums»,
lässt er auch die Geschichte seines Protagonisten,
eines kubanischen Schmugglers, spielen, der
in den frühen 1990er Jahren, inmitten eines
unheilvollen Gemischs von Chaos, Verbrechen
und kollektiver Euphorie, sein Glück versucht.
Die bleiernen Jahre scheinen vorüber, die
Zeit der grossen Freiheit angebrochen. Wer
vom Aufstieg träumt, versucht sich als Börsenmakler,
Immobilienhändler oder Bankier; doch wie
weit das Selbstverständnis der östlichen
Aufsteiger von den Vorstellungen entfernt
ist, die ihre westlichen Vorbilder über Russland
hegen, lehrt ein flüchtiger Blick auf die
Bestellliste des schmuggelnden Erzählers:
Sibirische Tigerfelle verlangen die Auftraggeber,
Eckzähne von Mammuts, Geweihe junger Rentiere,
gelegentlich auch Schlangengift - ein deprimierender
Warenzettel, der sein moralisches Pendant
in jenem finsteren Handelsgut findet, das
der Erzähler sonst noch über die Grenzen
lotst: Gewehre und Nachtsichtgeräte - zentrale
Produkte einer Wirtschaft, die längst unter
dem Diktat der Mafia steht.
In dieser düsteren Umbruchszeit haben auch
Frauen ihre Chance, wenngleich keine andere
als die, «die Gabe ihrer langen Beine, den
gleichmässigen Glanz ihrer blonden Haare
und ihre blauen Augen» einzusetzen. Eben
dies tut auch Warja, die undurchschaubare
junge Frau, die der Erzähler in einem Istanbuler
Bordell kennen lernt. Dass sie sich verkalkuliert
hat, der Job das grosse Geld nicht bringt,
sie im Gegenteil bei ihrem armenischen Zuhälter
in tiefe Schulden stürzt, erkennt sie zu
spät - und ist darum umso erleichterter,
den sonst so nüchternen Schmuggler zur Fluchthilfe
bewegen zu können.
Zeiten und Zitate
Doch mit dem glücklichen Ende von Warjas
Odyssee beginnt diejenige des Erzählers,
der, von der jungen Frau nach der Ankunft
in Russland schnöde versetzt, sich über deren
Verhalten nachträglich klar zu werden sucht
- anhand eben jener Aufzeichnungen, die schliesslich
den Roman ergeben. Und dieser gibt sich bereits
formal als hochgradig subjektive Auseinandersetzung
mit der eigenen und der jüngsten russischen
Geschichte zu erkennen. Denn dem Erzähler
sind die geographischen und sozialen Verhältnisse
Osteuropas aufgrund zahlloser Reisen zwar
bestens vertraut; doch dringt von diesen
Erfahrungen wenig in seine Aufzeichnungen
durch: Kaum ein Dialog sprengt das dichte
Zeilenwerk, nur selten mischen sich fremde
Stimmen unter den niemals abreissenden Fluss
des Erzählers. Seine Notizen sind so einsam
wie die Landschaft der Kaspischen Senke,
in die er sich verkrochen hat. Einzig Warjas
Briefe gehen ihm durch den Kopf, und er sucht
sie mit Hilfe berühmter Briefe der Weltliteratur
zu beantworten. Abälard, Petrarca, Vespucci;
Tschaikowsky, Kleist und Karen Blixen: Gewaltig
ist die fremde Textmasse, die er in seine
eigenen Aufzeichnungen einfliessen lässt.
Doch die stupende Gelehrsamkeit nützt zuletzt
wenig: Aus dem Gegenüber der Zeiten und Zitate
mögen sich hübsche Analogien und Spiegelungen
ergeben - die rätselhafte Warja verstehen
zu helfen, taugen sie am Ende nicht. Sie
entzieht sich dem Erzähler ebenso wie der
Jasius euximus, jener seltene Schmetterling,
den er im Auftrag eines vermögenden Sammlers
ebenso lange wie vergeblich jagt.
«In carcere et vinculis (De Profundis)» übernimmt
der Erzähler die Weltsicht des von dem geliebten
Lord Alfred Douglas verratenen Oscar Wilde;
doch aus solchen Tiefen lässt sich auf die
Welt nicht blicken. Im Gegenteil, der Dämmer
nimmt zu: Was ist wahr, was eingebildet?
Am Ende fühlt sich der Erzähler wie einer,
«der träumt, er sei ein Schmetterling, und
beim Aufwachen nicht weiss, ob er der Mann
ist, der sich als Schmetterling träumt, oder
der Schmetterling, der nun träumt, ein Mann
zu sein». Wer ist Warja? Wer ist der Erzähler?
Traum und Wirklichkeit hängen gefährlich
dicht beieinander. Die Halluzinationen lateinamerikanischer
Erzählkunst sind nicht untergegangen; sie
haben nur den Ort gewechselt. Wäre Borges
nicht längst tot, er lebte im Russland der
Umbruchszeit. Dass er diese Zeit nicht mehr
erlebt hat: Darüber, so kann man Prietos
düsteres Sittenbild verstehen, muss er allerdings
nicht traurig sein.